Edith Stein in München

Bezüge zu Edith Stein in München

Frauenfeindliche Bemerkungen über Edith Stein sind leider das früheste Zeugnis, das mit München in Verbindung gebracht werden kann (Briefe von Otto Gründler, 1922/23, ESGA 28).

1929 war Edith Stein zweimal zu Besuch in München und hielt im August 1929 einen Vortrag vor Ordensfrauen aus allen bayerischen Lehrorden (ESGA 28, Br. 79b): „Die Mitwirkung der klösterlichen Anstalten an der religiösen Bildung der Jugend“ (ESGA 16, 50-62). Auch 1930 kam sie zweimal zu Besuchen nach München.

1931 hielt sie am 8.4. einen Vortrag anlässlich der großen Ostertagung der „kath. bayer. Junglehrerinnen“ über „Die Bestimmung der Frau“ (ESGA 13,46-55) im Alemannia-Haus (Kaulbachstr. 20). Während dieses Besuchs in München hatte Edith Stein ihre erste Begegnung mit der berühmten Schriftstellerin Gertrud von le Fort.

Im folgenden Jahr 1932 sprach Edith Stein, inzwischen Dozentin in Münster, im Bayerischen Rundfunk (ESGA 2, Br. 191) in der „Stunde der Frau“ am 1. und 3.4.1932 über „Mütterliche Erziehungskunst“ (ESGA 13, 115–126).

Am 3.4.1932 hielt Edith Stein außerdem im Bundeshaus des „Kath. Frauenbunds“ das verschollene Referat „Die geistige Lage der Frau in der Jetztzeit“.

Bei diesen Besuchen wohnte sie in der Kommunität „Venio“, Baaderstr. 56a.

Heute erinnert die Kapelle der KHG der Ludwig-Maximilian-Universität an Edith Stein (siehe auf dieser Homepage Edith-Stein-Netzwerk München/Bayern), wie auch die Karmeliten in St. Theresia.
http://www.st-theresia-muenchen.de/

Beate Beckmann-Zöller (2020)

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Edith Stein hatte in den Jahren ihrer öffentlichen Wirksamkeit als Philosophin und Referentin in der Erwachsenen-Bildung einige kurze Begegnungen mit München.

Den frühesten, leider unerfreulichen Bezug Edith Steins zu München finden wir in Briefen von Otto Gründler, dem in München lebenden Redakteur der kath. Zeitschrift Hochland, der frauenfeindliche Bemerkungen mit dem Philosophen Peter Wust austauscht (Edith Stein Gesamtausgabe / ESGA 28, Br. 37a, 11.12.1922 u. Br. 37b, 16.1.1923). Seine abfälligen Worte über Edith Stein – von denen sie Gott sei Dank keine direkte Kenntnis hatte – zeigen, mit welchem „Gegenwind“ sie zu kämpfen hatte, auf den sie allerdings weder bitter noch ungerecht gegenüber der Männerwelt reagierte: Sie habe „etwas Gouvernantenhaftes an sich“, gehöre zu den „philosophierenden Weibern“, die sich an Husserls „Rockschöße hängen, denn diese Geister leben ja geradezu von dem, was Husserl noch nicht drucken lassen mag; ohne das wären sie, auch die Edith Stein, absolute Nullen.“ – Zumindest von Peter Wust ist bekannt, dass sich sein Bild zum Positiven änderte, als er Edith Stein ab 1930 in Salzburg, Münster und Köln persönlich begegnete.

Von der „Münchener Phänomenologie[1] um Alexander Pfänder, Max Scheler u. a. war Edith Stein besonders durch Adolf Reinach und Hedwig Conrad-Martius stark beeinflusst worden. Gerda Walther, ebenfalls aus diesem Phänomenologen-Kreis[2], traf Edith Stein in Freiburg und lebte später wieder in München (Briennerstr. 8), wohin ihr Edith Stein am 31.10.1928 schrieb. Als Netzwerkerin der Phänomenologen teilte sie ihr die aktuelle Adresse des polnischen Philosophen Roman Ingarden mit, des Phänomenologen-Freundes aus Göttingen.

Den vermutlich ersten Besuch in München stattete Edith Stein am Dreikönigsfest 1929 einigen studierenden Ordensfrauen ab, die bei ihr in Speyer das Abitur gemacht hatten (ESGA 2, Br. 65). Sie wohnte im Studentinnenheim St. Agnes in der Türkenstraße 2[3] bei Agnella Stadtmüller OP (St. Magdalena, Speyer) und Callista Brenzing OCist (Abtei Seligenthal bei Landshut), mit denen sie das Festhochamt in der Münchner Frauenkirche feierte. Am Vorabend hatten die drei das 1915 erschienene Mysterienspiel Metanoeite von Reinhard Johannes Sorge mit verteilten Rollen gelesen.

Im Laufe des Jahres 1929 war Edith Stein mit einer Seminar-Abschlussklasse aus Speyer nochmals in München. Sie wurden von Katharina Schreier (s.u.), einer ehemaligen Speyrer Schülerin, die an der Kath. Frauenfachschule in München (Arme Schulschwestern) unterrichtete, in das Großstadtleben – Theater und Oper – eingeführt. (ESGA 2, Br. 71)

Zudem hielt Edith Stein in den letzten Augusttagen 1929[4] in München einen Vortrag vor Ordensfrauen aus allen bayer. Lehrorden (ESGA 28, Br. 79b): „Die Mitwirkung der klösterlichen Anstalten an der religiösen Bildung der Jugend“ (ESGA 16, 50-62).[5]

Im Frühjahr des Jahres 1930 fuhr sie ebenfalls mit einer Abschlussklasse des Lehrerinnen-Seminars nach München, wo P. Erich Przywara SJ die Führung bei den Besichtigungen übernahm, berichtet Sr. Agnella Stadtmüller OP.[6]

Auf der Durchfahrt von Salzburg nach Speyer nutzte Edith Stein am 1.9.1930 die zwei Stunden Aufenthalt von 20-22h, um Sr. Callista Brenzing und den Jesuiten P. Erich Przywara am Münchner Hauptbahnhof zu treffen (ESGA 2, Br. 97). Sie hatte gerade in Salzburg auf der Versammlung des kath. Akademikerverbandes (ab 1931 Salzburger Hochschul-Wochen) ihr wohl wichtigstes Referat gehalten: „Das Ethos der Frauenberufe“ (ESGA 13, 16-29).

Zur großen Ostertagung der „kath. bayer. Junglehrerinnen“ war Edith Stein im April 1931 abermals nach München eingeladen; inzwischen war sie selbst nicht mehr Lehrerin, sondern wieder wissenschaftlich als Philosophin tätig. Am 7.4.1931 nahm sie am Treffen der Gruppen-Leiterinnen und am Begrüßungs-Abend teil.

Tags drauf, 8.4.1931, lernte sie Kardinal Dr. Michael von Faulhaber kennen, der für die Lehrerinnen um 8h einen Gottesdienst in seiner Hauskapelle (Promenadenstr. 7)[7] hielt. Im Anschluss an die Hl. Messe referierte sie um 10h im Alemannia-Haus[8] (Kaulbachstr. 20) über „Die Bestimmung der Frau“ (ESGA 13,46-55).

Weitere Referate hielten die Studienrätin Maria Fitz „Die Lehrerin und ihr Dienst am Kind“, Frau Reichstagsabgeordnete Lang Brumann „Unser Dienst am Volk“ und Pater V. Hugger SJ „Unser Leben: Gottesdienst“. Zuvor wurde ein Gottesdienst in St. Johann Nepomuk (Asam-Kirche, Sendlinger Str. 63) gefeiert, der zweite in der Kreuzkapelle der St. Michaelskirche (Neuhauser Str. / Ettstr.).[9]

Während dieses Besuchs in München hatte Edith Stein ihre erste Begegnung mit der berühmten Schriftstellerin Gertrud von le Fort, die 1926 zur kath. Kirche konvertiert war. Die beiden sprachen einen ganzen Nachmittag lang miteinander über den Karmel, „dem sie [le Fort] damals geistig noch ziemlich fern war. Erst durch die Arbeit an der Novelle ist sie mit ihm verwachsen.“ (ESGA 3, Br. 374) Auf den Stoff zu ihrer Karmel-Novelle Die Letzte am Schafott (1931) sei Gertrud von le Fort von ganz allein gestoßen, suchte aber in Edith Stein eine gleichgesinnte Gesprächspartnerin über den Geist des Karmel.
Die beiden Frauen planten gemeinsame Pfingsttage in Beuron oder Münster (ESGA 28, Br. 251d und Br. 257a), doch kam es erst im Karmel Köln im November 1934 zu einem Wiedersehen.

Im folgenden Jahr 1932 sprach Edith Stein, inzwischen Dozentin in Münster, im Bayerischen Rundfunk (ESGA 2, Br. 191) in der „Stunde der Frau“ am 1.4.1932 über „Mütterliche Erziehungskunst I. In der frühen Kindheit; II. Während der Schulzeit“ (ESGA 13, 115–126). Leider wurde damals nur live gesendet, sonst hätten wir heute ein Dokument ihrer Stimme.

Die Verbindung zum Rundfunk kam wohl durch Marie Buczkowska (siehe Wien) zustande, die bis 1933 im Rundfunkrat war, und nach dem Ausschluss durch die Nazis erst wieder 1948. Marie Buczkowska war die führende Gestalt des Jugendverbands im Katholischen Deutschen Frauenbund, dem „Jugendbund“. Er hatte seine Zentrale nicht in Köln/Aachen, wie der Frauenbund, sondern weit weg in München. „Der Jugendbund wollte Natur erleben und Gemeinschaft pflegen, sich bilden und freimachen von den Zwängen der Erwachsenengesellschaft, neue Ideen und Visionen haben, persönliche Spiritualität, Leben in einer Gruppe, Verarbeitung moderner Theologie, Entwicklung von Gottesdiensten in erlebbarer Gemeinschaft, christliche Verantwortung in der Welt, Kirche mitgestalten und erleben.“[10] Marie Buczkowska war Dozentin an der „Sozialen Frauenschule“ in München, einer Einrichtung, die auf Initiative des Frauenbundes entstanden war, und hatte gleichzeitig im Zentralvorstand des Frauenbundes das Referat Jugendbildung und Jugenderziehung inne. Der Frauenbund verwirklichte die Idee von sozialen Frauenschulen in München, Köln und Aachen.

Am 3.4.1932 hielt Edith Stein im Bundeshaus des „Kath. Frauenbunds“ (heute Ellen-Ammann-Haus) in der Schraudolphstraße 1, Maxvorstadt, wo sich bis heute die Geschäftsstelle des Katholischen Deutschen Frauenbundes – Landesverband Bayern befindet) das verschollene Referat „Die geistige Lage der Frau in der Jetztzeit“. Die Zeitschrift Bayerisches Frauenland berichtet darüber, dass es ein Treffen für die ehemaligen Jugendleiterinnen im Münchner Bundesheim gab: „In fein fraulicher Art stellte sie die Beziehungen der Frau in Ehe, Beruf und Volksganzem heraus.“[11]

Am Morgen wurde in der Krypta der Benediktinerabtei St. Bonifaz eine Gemeinschaftsmesse gefeiert.
Während dieses Aufenthaltes wohnte Edith Stein in der benediktinischen Kommunität Venio (damals Baaderstr. 56a, heute Döllingerstraße 32, 80639 München). Dort feierte sie am Sonntag wohl die Konventmesse mit. Sie schrieb über das Haus Venio an Mater Petra Brüning OSU in Dorsten: „bei meinem letzten Besuch in München (Ostern 1932) habe ich dort gewohnt und mich sehr an dem benediktinischen Geist gefreut, der wirklich vorhanden ist“. (ESGA 3, Br. 303, 26.1.1934)

In der Abtei Venio findet sich noch heute eine „Spur“ Edith Steins: ihr Eintrag ins Gästebuch. In der Chronik dieser Gemeinschaft wird auch ihr Zusammentreffen mit Erich Przywara SJ und Alois Mager OSB erwähnt:
„Frau Dr. Edith Stein war seit 30. März bei uns. Da sie in ihrem eigenen Leben an die Einhaltung einer monastischen Tagesordnung gewöhnt ist, beteiligte sie sich gern an unserem Leben und freute sich besonders, das monastische Officium mit uns beten zu können. Die Tischgespräche zwischen R. P. Alois (Mager OSB) und ihr, der Thomasübersetzerin, bewegten sich allerdings in diesen Tagen manchmal in einer Höhe, zu der gewöhnliche Sterbliche sich nicht mehr so ganz ohne weiteres aufzuschwingen vermochten. Ihre Unterhaltung mit uns drehte sich einmal auch um die Frage, inwieweit wohl später einmal eine Eingliederung der Frau in die Hierarchie, der wohl kirchenrechtliche, aber keine dogmatischen Hinderungsgründe entgegenstehen, denkbar wäre.“[12]

In der Zeit des Nationalsozialismus findet Edith Stein freundliche, aber klare Worte, um ihre ehemalige Schülerin Katharina Schreier zu ermahnen. Es ist dieselbe, die sie 1929 durch München geführt hatte (s.o.), sie war als Studienrätin an der Frauenfachschule München auch Mitglied im „Verein katholischer bayerischer Lehrerinnen“. Außerdem war sie Mitglied der Marienkongregation der Lehrerinnen in München, deren Zeitschrift Virgo et Mater zum Tod Katharina Schreiers einen Nachruf veröffentlichte.[13] Sie hatte anscheinend dem Druck des nationalsozialistischen Zeitgeistes nachgegeben und wird nun von Edith Stein ermahnt:

„Als ich vor 4 Jahren in den Orden eintrat, habe ich alle Anliegen mitgenommen, die mir anvertraut waren. Ich habe auch die Münchener Lehrerinnen nie vergessen. Auch von Ihrer Last habe ich ja etwas gewußt. – ‚Mußten‘ Sie wirklich aus dem Verein und der Kongregation austreten, liebes Fräulein Schreier? Ich weiß manche, die es nicht getan haben und doch noch im Amt sind. Und ich denke immer: Wenn nach dem Grundsatz gehandelt würde: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes [Mt 6, 33] …, dann stünde es sehr viel besser. Vieles wäre niemals geschehen, was heute beklagt wird, wenn man den Mut gehabt hätte, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen [Apg 5, 29], und sich Ihm ganz anzuvertrauen. Aber ich will Ihnen damit keinen Vorwurf machen. Ich weiß, wie schwer der Druck der Verhältnisse ist. Ich glaube nur, daß es keinen andern Weg zum Frieden gibt.“

Edith Stein fiel dem „Druck der Verhältnisse“ zum Opfer und uns ist aus München eine bedenkenswerte Briefstelle über ihr Martyrium erhalten. Anne Reinach (Kufsteiner Platz 4/IV, München-Bogenhausen) schrieb am 19.8.1946 an den Theologen Erik Peterson:

„Du [Erik] hast früher immer gesagt, man muss sich nicht drängen zu den Opfern, Gott holt einen schon, wenn es Zeit ist. Die Berufung zur wichtigen Tat des Martyriums ist jenen vorbehalten gewesen, die in den Jahren zwischen 1933 und 1945 nicht gerettet wurden. Gott hat Edith Stein angenommen als ein reines Opfer für ihr jüdisches Volk.

Ich stehe diesem Tod gegenüber wie die alten Christen ihren Märtyrern, es ist ein glorreicher Tod, über den man nicht trauern kann, nur Gott loben. Es ist ein Tod, vor dem wir alle weggelaufen sind. Edith Stein auch (das ist mein Trost), aber sie hat Gott reif befunden für diesen Opfertod!

Die Henker des Nationalsozialismus sind so unvergleichlich viel schlimmer als die Verfolger der alten Märtyrer, weil die Alten Freiheit ließen. Man brauchte ja bloß abfallen, dann rettete man das Leben. Und so wurde das Martyrium eine Tat. Heute ist es reines Leiden, und der Heroismus des Opfers, der sicher in vielen Fällen vorhanden war, wird nicht offenbar.“ (ESGA 28, Br. 784)

Ein bleibendes Denkmal für die heilige Edith Stein in München schuf der Bildhauer Josef Alexander Henselmann mit dem Relief in der Edith-Stein-Kapelle (KHG der Ludwig-Maximilians-Universität, Leopoldstr. 11).

Dr. Beate Beckmann-Zöller (München, 2019, ergänzt 2020)

Beate Beckmann-Zöller, „Edith Stein in München – Begegnung mit Gertrud von Le Fort“, ESJ 2020, 44-47.

[1] Helmut Kuhn / Eberhard Avé-Lallemant (Hg.), Die Münchner Phänomenologie, Den Haag 1975.

[2] Heute: „Forum Münchner Phänomenologie international“ (FMPI) e.V., dietrich.gottstein@fmpi-de.net.

[3] Heute befindet sich dort eine städtische Kindertagesstätte.

[4] Nach dem 26.8., genauer findet sich kein Datum (ESGA 4, Br. 127, 11.7.1929). Siehe Neyer, Amata, „Die Vorträge Edith Steins aus den Jahren 1926-1930“, ESJ 2000, 410-431, hier 416-19.

[5] Veröffentlicht im Münchner Klerusblatt 1929, Nr. 48/49, S. 1–4; ESGA 16, 50–62. Vgl. auch ESGA 2, Br. 80 (26.1.1930).

[6] Herrmann, Adele, Die Speyrer Jahre Edith Steins, Speyer 1990, 182.

[7] Die Straße gibt es heute nicht mehr.

[8] Kath. Süddeutsche Studentenverbindung, heute noch befindet sich dort das Verbindungs-Wohnheim.

[9] Neyer, Amata, „Die Vorträge Edith Steins aus den Jahren 1931-1932“, ESJ 2001, 318-337, hier 319-21.

[10] Dieter Kittlauß, „Anna Vogt und das Bendorfer Sekretariat des Jugendbundes“, http://www.bendorf-geschichte.de/old/bdf-0178.htm.

[11] Neyer, Amata, 329.

[12] Brief von Sr. Agnes Johannes vom 10.04.1973 an Sr. Amata Neyer, Edith-Stein-Archiv Köln, GI/Jo.

[13] 24. Jahrgang, Nr. 4, München 1954.