Breslau / Wrocław

Wohnorte in Breslau

In ihrer Geburtsstadt Breslau wird an verschiedenen Orten an Edith Stein erinnert.
Als sie geboren wurde, wohnte die Familie in der Kohlestraße , 1910 kaufte ihre Mutter Auguste Stein das Haus in der Michaelisstraße 38. Dieses Haus überstand den Zweiten Weltkrieg; die Breslauer Edith-Stein-Gesellschaft konnte es erwerben. Es steht heute unter Denkmalschutz und ist als Begegnungs- und Erinnerungsstätte ausgebaut.
Viele deutsche Spender, darunter besonders die katholischen Bistümer, haben an der Wiederherstellung des Hauses mitgewirkt. (ESGA 1, Fußnote S.33)

Sitz der polnischen Edith-Stein-Gesellschaft

Das Haus in der ehemaligen Michaelisstraße, in dem die Familie Stein wohnte.
Heute: ul. Nowowiejska 38, 50-315 Wrocław
Sitz der polnischen Edith-Stein-Gesellschaft:
http://www.edytastein.org.pl/

Vor dem Wohnhaus Edith Steins gibt es seit dem 12. Oktober 2008 einen Stolperstein (wie auch in Köln und Freiburg).


Edith-Stein-Haus in Breslau

Gedenktafeln am Edith-Stein-Haus in Breslau  

Gedenktafeln am Edith-Stein-Haus in Breslau


Universität Breslau

Gedenktafel an der Universität Breslau

Gedenktafel an der Universität Breslau, an der Edith Stein von 1911 – 1913 Psychologie, Philosophie, Geschichte und Germanistik studierte.

1918/19 engagierte sich Edith Stein in der liberalen DDP, vor allem für das Frauenwahlrecht. Sie hielt mehrere Wahlkampfreden und schrieb einen Artikel „Die Politisierung der Frauen“ (ESGA 28, 11-16). MEHR [Link zu Artikel über Edith Steins politische Aktivität in Breslau 1918/19]


St. Michaeliskirche

Nach ihrer Konversion besucht Edith Stein in der St. Michaeliskirche an der ul. Prusa oft frühmorgens die heilige Messe, wenn sie in Breslau weilt.
In der Kirche gibt es heute eine Edith-Stein-Kapelle. Der dortige Altar, von der Erzdiözese Köln gestiftet, zeigt die aufgeschlagene Heilige Schrift, daneben einen Stapel Manuskripte.
Er wurde gestaltet von der Bildhauerin Alfreda Poznanska, Professorin an der Breslauer Kunstakademie.

Edith Stein – Anregungen für Gebet und Gedenken

Edith Stein-Anregungen für Gebet und Gedenken

Foto: Prégardier/Mohr: Edith Stein-Anregungen für Gebet und Gedenken, Plöger Verlag Annweiler

zu Edith-Stein-Gedenk-Orten

Literatur

Breslau

  • Mrozowska, Danuta / Okólska, Halina, Edith Steins Spuren in Breslau.
    Illustriert von Ryszard Natusiewicz, hg. von der Edith-Stein-Gesellschaft Polen, übersetzt aus dem Polnischen von Ewa Woloszyn, Wrocław 1997
  • Franke, Elisabeth, Das Wirken von Dr. Edith Stein in Breslau.
    Zusammengestellt aus Selbstbiographie und Briefen Edith Steins und ergänzt aus Jugenderinnerungen von Elisabeth Franke, geb. Seidel, Köln, früher Breslau, Plöger-Verlag Annweiler / Essen 1998

Mehr...

In den ersten Jahren ihrer Ehe wollten sich Auguste und Sieg­fried Stein, die Eltern Edith Steins, in Gleiwitz niederlassen. Die dort herrschenden, schweren Lebensbedingungen ließen sie jedoch bald nach Lublinitz, der Heimatstadt Auguste Steins, geborene Courant, zurückkehren. 1880 zogen sie schließlich nach Breslau, um dort eine Existenz aufzubauen. Edith Stein wurde dort am 12. Oktober 1891 als letztes von elf Kindern geboren, von denen sieben das Erwachsenenalter erreichten.

Zwei Jahre später, nach dem Tod ihres Mannes, mußte Au­guste Stein allein für die Familie sorgen. Zunächst pachtete sie Holzlager in der Kohlenstraße, in der Rosenstraße und in der Elbingerstraße. Sie schaffte es, eine angesehene Geschäfts­frau zu werden und ihren Kindern einen beachtlichen Lebensstandard zu bieten. 1910 kaufte sie das Haus Nr. 38 in der Michaelisstraße. Die Villa mit Garten blieb Eigentum der Familie Stein bis 1939. Dann ging es in den Besitz des Bau­meisters Oskar Jandel über. Während der Belagerung Bres­laus 1945 blieb das Haus unzerstört. Im August 1992 wurde zum 50. Todestag Edith Steins eine Gedenktafel mit der Auf­schrift „Edith-Stein-Haus 1910-1993“ in Polnisch, Deutsch und Hebräisch angebracht. Im Oktober 1995 wurde das Haus der polnischen Edith-Stein-Gesellschaft überschrieben. Mit finanzieller Unterstützung der „Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit“ und dank vieler privater Spender konnte 1996 mit der Restaurierung begonnen werden. Das Edith-­Stein-Haus ist ein internationales Zentrum für polnisch-­deutsch-jüdische Versöhnung und dient dem christlich-jüdischen Dialog.

Zwischen der Lohestraße und der Menzelstraße befindet sich der alte jüdische Friedhof mit den Gräbern von Edith Steins Eltern. Siegfried Steins Marmor-Grabmal ist bekrönt mit einer Vase. Auguste Steins Grab an der Hauptallee ist mit einer ein­fachen Seynitplatte bedeckt.

Die Synagoge „Zum weißen Storch“ in der Wallstraße 7/9 besuchte Auguste Stein regelmäßig zu Gottesdiensten. Bei ihrem letzten Aufenthalt in Breslau, am 12.10.1933, beglei­tete Edith Stein ihre Mutter in diese Synagoge anlässlich des Laubhüttenfestes.

Auf dem Ritterplatz, heute pl. bp. Nankiera, befand sich ab 1851 ein Mädchenlyzeum, die Viktoriaschule. Edith Stein besuchte dieses Gymnasium von 1897 bis 1906, dann wieder 1908, die angegliederte Studienanstalt realgymnasialer Richtung bis zum Abitur 1911. Später, 1916 wurde sie an dieser Schule als Hilfslehrerin für Latein, Deutsch, Geschichte und Erdkunde angestellt und absolvierte das Lehrerseminar als Referendarin.

Edith Steins Studium an der Breslauer Universität dauerte nur drei Semester, von WS 1911/12 bis WS 1912/13, sie war eingeschrieben für Geschichte, Germanistik, Psychologie und Philosophie; danach studierte sie weiter in Göttingen bei dem berühmten Phänomenologen Edmund Husserl. Die alte Holzbrücke vor der Universität nannte Edith Stein nicht Universitätsbrücke, sondern Oderbrücke, wie sie schon im Mittelalter hieß. Dicht ne­ben dieser Holzbrücke wurde 1867 bis 1869 eine eiserne Universitätsbrücke erbaut. Man blieb gern auf der Terrasse in der Mitte stehen, um das Panorama der Sand- und Dominsel zu bewundern.

Zur Jesuitenkirche am Universitätsplatz – auch Matthias­kirche – schreibt Edith Stein: „Ein einziges Mal war ich mit Julia Heimann während einer Feierstunde in der Matthias­kirche, die an die Universität anstößt und früher zu ihr gehörte; ein vermauertes Türmchen verrät noch die ehemalige Verbindung.“[1]

In ihrer Studienzeit nahm Edith Stein mit der sogenannten „Pädagogischen Gruppe“ an einem psychologischen und phi­losophischen Seminar im ehemaligen St.-Josefs-Konvikt, Schmiedebrücke 35, teil. Der Saal II im Erdgeschoß wurde inzwischen nach ihr benannt: Edith-Stein-Saal. Neben der „pädagogischen Gruppe“ gehörte sie auch dem „Bund für Schulreform“ an. Dennoch – schreibt Edith Stein – sei sie „völlig unbeschwert durch irgendwelche pädagogische Vorbildung“ 1915 in Breslau und 1923 in Speyer in den Schuldienst eingetreten, und war dennoch erfolgreich, soweit man den positiven Erinnerungen ihrer Schülerinnen im Rückblick trauen darf.

Wenn Edith Stein nach den Vorlesungen an der Universität in die Bibliothek und von dort zur Dominsel gelangen wollte, mußte sie über die zwischen Dominsel und Altstadt gelegene Sandinsel gehen. Die auf der Sandinsel dominierende Mari­enkirche bezeichnet Edith Stein in ihrer Autobiographie als Dompfarrkirche; sie schreibt: „[…] in der Universitätsbibliothek, einem ehemaligen Augustinerchorherrenstift in der Sandstraße. Daneben liegt die Sandkirche, ein schwerer, frühgotischer Bau. Er ist die Dompfarrkirche, und gleich dahinter führt die kleine Dom­brücke auf die Dominsel […] eine stille, in sich abgeschlossene Welt“, schreibt Edith Stein und fährt fort: „Die breite, gerade Domstraße führt von der Dombrücke an der Kreuzkirche mit ihrem schlanken, nadelspitzen gotischen Turm vorbei zum Hauptportal des Domes. Zu beiden Seiten liegen die niedrigen vornehm-schlichten Häuser der Dom­herrn, zunächst dem Dom das Palais des Fürsterzbischofs. Ich wählte gern den Weg über die Dominsel. Ich fühlte mich dort wie in einer Welt der Stille und des Friedens und wie in längst vergangene Jahrhunderte zurückversetzt.“[1f]

Auf dem Schloßplatz zwischen Grabenstaße, Stadtgraben und Schweidnit­zerstraße fanden früher Militärparaden, Messen und Feste statt. Auch Edith Stein nahm dort 1911 in einem riesigen Fest­zelt teil an einem Ball zum Jubiläum der Breslauer Uni­versität.

Edith Stein besuchte auch gern Vorstellungen des neoklassi­zistischen Opernhauses, das sich an der Ostseite des Schloßplatzes befindet. Sie schreibt: „Nicht weniger als die großen Tragödien liebte ich die klassischen Opern. Die er­ste, die ich hörte, war die ‚Zauberflöte‘. Wir kauften uns den Klavierauszug und konnten sie bald auswendig. Ebenso den ‚Fidelio‘, der mir immer das Höchste blieb. Ich hörte auch Wagner und konnte mich während der Aufführung dem Zauber nicht ganz entziehen. Aber ich lehnte diese Musik ab. Nur mit den ‚Meistersängern‘, machte ich eine Ausnahme.“[2] Die Jahrhunderthalle entstand in den Jahren 1911 bis 1913. Sie schreibt dazu: „Der Sommer 1913 war für Breslau eine große Zeit. Die Jahrhundertfeier der Befreiungskriege. […] Man­ches von den Festlichkeiten hatte ich schon versäumt; vor allem das Festspiel, das Gerhart Hauptmann für diesen Zweck geschrieben hatte und das in der ebenfalls eigens neu erbauten ‚Jahrhunderthalle‘, einem Kuppelbau aus Beton und Eisen, damals dem größten der Welt, aufgeführt wurde“.[3] An der Jahrhunderthalle begann Edith Stein gerne Spazier­gänge durch den Scheitniger Park.

Nach dem I. Weltkrieg war Edith Stein 1918/19 intensiv in den Wahlkampf für die liberale DDP und das Frauenwahlrecht engagiert. (s.u.) Während des Sommersemesters 1920 und Wintersemesters 1920/21 gab Edith Stein außerdem private Vorlesung in ihrem Breslauer Privathaus – mit 30 Teilnehmern – und einen Kurs über ethische Grundfragen an der neuen Volkshochschule in Breslau; die Ferien verbrachte sie jedoch in Göttingen.

Seit ihrer Taufe – 1922 in Bad Bergzabern – besuchte Edith Stein bei jedem Aufenthalt in Breslau die Michaeliskirche am Lehmdamm. Hier betete sie oft und nahm an Gottesdiensten teil. Rechts an der Fassade informiert eine Tafel, daß die Heilige in den Jahren 1922-1933 in dieser Kirche gebetet hat. Es ist bekannt, daß sie ihren Platz in der ersten Bank rechts im Hauptschiff hatte. Am hundertsten Geburts­tag der berühmten Breslauerin, am 12. Oktober 1991, hat Kardinal Henryk Gulbinowicz die Edith-Stein-Kapelle links vom Haupteingang eingeweiht. In der Kapelle befindet sich ein von der Erzdiözese Köln gestifteter Marmoraltar in Form einer aufgeschlagenen Bibel. Der Altar wurde von der Bild­hauerin Alfreda Poznanska, Professorin an der Breslauer Kunstakademie, gefertigt. In den Altar wurden unter der In­schrift die Reliquien gelegt: eine Urne mit Erde und etwas Asche der im KZ Auschwitz-Birkenau Ermordeten. An einer Wand hängt ein Gemälde, das Schwester Teresia Benedicta vor einer Menora darstellt; Christus neigt sich vom Kreuz zu ihr herab. Die Künstlerin des Gemäldes ist Jolanta Kornecka. Die Diözese Speyer stiftete für die Kapelle neue Buntglas­fenster und den Steinfußboden. Rechts befindet sich eine Ta­fel mit Informationen über die Kapelle sowie eine Chronik über eine Pilgerfahrt nach Auschwitz, die am 9. August 1991 stattfand; links der Lebenslauf der Heiligen. Beide Texte sind auch in deutscher Sprache zu lesen. In dieser Atmosphäre kann man sich gut die knieende, ins Gebet vertiefte Edith Stein vorstellen. Hier fühlt man ihre Gegen­wart am stärksten.

Auf dem Hauptbahnhof begannen und endeten zahlreiche Reisen Edith Steins und ihrer Familie. Am 13. Oktober 1933 gegen 8 Uhr morgens verließ sie, begleitet von ihren Schwestern Else und Rosa, Breslau für immer.

Ein später Kontakt – außer ihren Briefen – ist noch der Versuch, beim Verleger Otto Borgmeyer in Breslau ihr Hauptwerk „Endliches und ewiges Sein“ drucken zu lassen. Am 22.7.1938 schloss Edith Stein bzw. das Karmelitinnenkloster Köln/Lindenthal einen Vertrag mit dem Verlag Franke (Adresse: Breslau I, Am Sandkirche 3), dessen Besitzer Otto Borgmeyer war[4]. Für ihr Hauptwerk konnte zwar noch der Satz hergestellt werden, letztlich wurde es jedoch nicht mehr gedruckt und erschien erst 1950 im Verlag Herder.

Resümee aus dem von der polnischen Edith Stein-Gesellschaft mit finanzieller Unterstützung der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft in Breslau herausgegebenen Büch­lein:

Mrozowska, Danuta / Okólska, Halina, Edith Steins Spuren in Breslau. Illustriert von Ryszard Natusiewicz, hg. von der Edith-Stein-Gesellschaft Polen, übersetzt aus dem Polnischen von Ewa Woloszyn, Wrocław 1997, ISBN 83-86308-18-4.

Ergänzt durch Beate Beckmann-Zöller (2020)

Edith Steins politische Aktivität in Breslau 1918/19

Über Edith Steins politische Aktivität wissen wir erst seit 2018 Näheres durch die Forschungen von Carolyn Beard – die auf die polnischen Forschungen von Wacław Długoborski und Krzysztof Popiński aufbaut, diese aber durch eigene Archiv-Studien erweitert[5].

Im Vorstand der DDP

Edith Stein war sowohl Gründungs-Mitglied der liberalen DDP (Deutsche Demokratische Partei) in Breslau (22. 11. 1918) als auch Mitglied im 50köpfigen Partei-Vorstand, u. a. zusammen mit ihrem früheren Professor für Geschichte Johannes Ziekursch und ihrem „Hauptverbündeten“ im Jugendverband, dem Geographie-Professor Erich Obst. Die DDP, eine linksliberalen Vorläuferpartei der „Freien Demokratischen Partei Deutschlands“ (FDP) wurde 1918 u.a. von dem Schriftsteller und Publizisten Theodor Wolff und dem Soziologen Max Weber gegründet. Insgesamt gehörten dem Partei-Vorstand in Breslau neben Edith Stein sieben weitere Frauen an, u. a. Paula Ollendorff (1860–1938), die auch stellvertretende Vorsitzende der Breslauer Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbunds und die erste Frau im Breslauer Stadtrat war, und Gertrud Stein, die nicht mit ihr verwandt war, die sie aber von ihrem Lazarett-Einsatz 1915 im I. Weltkrieg kannte.

Edith Stein als Politikerin

„Kopfüber“ habe sie „sich in die Politik gestürzt“, schrieb Stein an ihren polnischen Freund Roman Ingarden am 18.11.1918. Zwar war Steins politisches Engagement intensiv, doch dauerte es nur wenige Monate an: von November 1918 bis zum Frühjahr 1919. Sie beklagt sich bereits Ende Dezember 1918 darüber, daß ihr „das übliche Handwerkszeug dazu völlig“ fehle: „ein robustes Gewissen und ein dickes Fell“[6]. Das Engagement in der politischen Praxis lieferte ihr allerdings, so schrieb sie am 16.9.1919 Roman Ingarden im Rückblick auf diese Zeit in der Breslauer DDP, eine lebensweltliche Grundlage für ihre theoretische Abhandlung „Individuum und Gemeinschaft“[7]. Für sie war diese sozialphilosophische Arbeit ein „Niederschlag der politischen Betätigung“, die sie „mehrere Monate ganz verschlungen hatte“[8]. Auch die darauffolgende „Untersuchung über den Staat“[9] von 1920/21, die erst 1925 in Husserls Jahrbuch VII erschien, ist noch eindeutiger der politischen Theorie zuzuordnen. Danach verlässt sie dieses Feld in expliziten Untersuchungen, streift allerdings zeitgeschichtliche Politik in Seitenbemerkungen, z. B. in ihren Briefen oder ihren Rezensionen „Zum Kampf um den katholischen Lehrer (1929)“ und „Katholische Kirche und Schule (1933)“[10].

Wahlkampf-Reden

Edith Stein hielt Anfang Januar 1919 mehrere politische Wahlkampfreden in Breslau und in der Provinz, wobei uns diese Orte nicht näher bekannt sind. In der Breslauer Zeitung sind vier Vorträge Edith Steins dokumentiert: am 2.1.1919 sollte sie über „Die Frau in der National-Versammlung“ sprechen, was jedoch, ohne daß die Breslauer Zeitung Gründe nennt, abgesagt wurde; am 6.1.1919 hielt sie eine Rede zum Thema „Warum müssen sich die Frauen der Deutschen Demokratischen Partei anschließen?“ im Saale des „Lessing“ (Adalbertstr. 10), am 9.1.1919 war sie für die Moderation eines „geselligen Abends“ verantwortlich, und am 10.1.1919 hielt sie eine weitere politische Rede im Saal des Kindergarten-Vereins Maltheserstraße[11]. [12][13]

Edith Stein warb in ihren politischen Vorträgen nicht nur für das Frauen-Wahlrecht, sondern stellte am 6.1.1919 die Ziele der neuen politischen Partei vor und legte die Fehler der ehemaligen Politik offen. Sie erläuterte das Partei-Programm, u. a. Wilsons Idee des Völkerbundes, und betonte, die DDP müsse gemeinsam mit Sozialdemokraten und Nationalliberalen die Spaltung in Stände oder Konfessionen überwinden. In ihrem Vortrag vom 10.1.1919 zeigte sie auf, „welche Pflichten den Frauen aus der Erlangung der politischen Gleichberechtigung gewachsen [sind] und wies an Hand des Parteiprogramms nach, daß sie diese Pflichten am besten durch Anschluß an die [… DDP] erfüllen können.“

Kulturinstitut

Über den Wahlkampf hinaus wollte sich Edith Stein einsetzen für ein Kulturinstitut in Breslau, in dem über wirtschaftliche Zusammenarbeit hinaus polnische und deutsche Literatur zum Verständnis der jeweilig anderen „Volksseele“ gelesen werde. Ihr politisches Engagement entstamme eben dieser ihrer Liebe zur „Seele der Völker“. Aus der Idee wurde jedoch nichts.

Im Lesekreis mit dem ev. Theologen Rudolf Bultmann

Edith Stein wurde außerdem in den 16köpfigen Vorstand der Jugendorganisation der DDP gewählt. Über die Arbeitsgruppe für „Jugendbildung“ innerhalb der DDP, bzw. „Abteilung für Religion und Weltanschauung“, geleitet von den evangelischen, miteinander befreundeten Pfarrern Wilhelm Gottschick (1881–1957) und Ernst Moering (1886–1973), beide DDP-Mitglieder, engagierte sich auch der evangelische Theologe Rudolf Bultmann (1884–1976), der nicht Partei-Mitglied war, sich jedoch aus Freundschaft zu Gottschick und aus bildungspolitischem Anliegen heraus als Arbeitsgruppen-Leiter engagierte. Nach Długoborski gehörte auch Edith Stein dieser Arbeitsgruppe an. Sie scheint Bultmann bereits gekannt zu

haben, denn laut seiner handschriftlich geführten Chronik gehörte Edith Stein seit Ende 1918 zu seinem erlesenen Graeca-Kreis. An diesem Griechisch-Lektüre-Kreis des später bedeutenden evangelischen Theologen Rudolf Bultmann, der mit seiner Entmythologisierungs-These weltbekannt wurde, nahmen außer Edith Stein auch der Religionsphilosoph Heinrich Scholz, der Philosoph Julius Stenzel und Steins Griechisch-Lehrer Konrat Ziegler teil. In der Arbeitsgruppe der DDP-Jugend traf man sich ab Mai (Sommersemester 1919) in wöchentlichen Versammlungen mit Lektüre-Kursen zu Problemen der Religion und Weltanschauung. Stein kann sich allerdings nur ganz zu Anfang in dieser Arbeitsgruppe engagiert haben, da sie ab dem 21. 5. bis zum 4. 8. 1919 nicht mehr in Breslau, sondern in Göttingen gemeldet ist, um sich dort ihrer Habilitation zu widmen.

Ende der politischen Arbeit

Nach ihren Vorträgen im Januar und der Veröffentlichung des Artikels „Zur Politisierung der Frauen“ in der Parteizeitung der DDP „Der Volksstaat“[14] hören wir nichts mehr von ihren politischen Aktivitäten, bis sie dann im Mai 1919 als Delegierte bestimmt wurde für den Parteitag der DDP gemeinsam mit 14 anderen. Der Parteitag fand vom 19.–22. 7. 1919 in Berlin statt, jedoch ist fraglich, ob Stein tatsächlich dort war, denn weder ihren Briefen noch den Zeitungsberichten ist etwas über eine mögliche Anwesenheit bzw. einen

Beitrag zu diesem Parteitag von Seiten Edith Steins zu entnehmen. Allerdings hatte Stein 1919 „zweimal in Berlin zu tun“, wie sie in ihrer Autobiographie schreibt. Sie nennt allerdings keinen Grund dafür, sondern spricht nur von den privaten Begegnungen mit Winthrop Bell und ihrem Schwager Hans Biberstein.

Intellektuelle Freundinnen in Breslau

Immer wieder traf Edith Stein auf Freundinnen, denen sie auf Augenhöhe begegnen konnte, wie z. B. Gertrud Kuznitzky-Koebner (1889-1976), eine aus dem Judentum zum Christentum konvertierte Philosophin aus Breslau, der sie aus dem Karmel noch nach Israel schreibt. Stein rezensierte Kuznitzkys phänomenologische Arbeit Naturerlebnis und Wirklichkeitsbewußtsein (Breslau 1919).[15]

Mit einer weiteren Bekannten aus Breslau, der Mathematikerin und Dozentin für Naturwissenschaft Maria Bienias (1897–1971), die das „Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik“ in Münster durchlaufen hatte, schrieb einen Artikel über „Edith Stein“ im Lexikon der Pädagogik (Ergänzungsband 1964), das die Dozenten und Professoren des Instituts in Zusammenarbeit mit dem „Institut für Vergleichende Erziehungswissenschaft“ (Salzburg) im Verlag Herder herausgaben; in vier Bänden wurde niedergelegt, was die Dozenten in ihren Diskussionen über „Katholische Pädagogik“ erarbeitet hatten.

Eine weitere Bekannte Edith Steins, mit der sie im geistigen Austausch stand, war die Oberstudienrätin Annemarie Lehmann, ebenfalls aus Breslau, die wie Stein über geschlechtsspezifische Mädchenbildung forschte und referierte.

Beate Beckmann-Zöller (2020)

Quellen zum Text:

[1] ESGA 1, 159
[1f] ESGA 1, 159
[2] ESGA 1, 129f.
[3] ESGA 1, 219f.
[4] ESGA 25, Br. 559a
[5] ESGA 25
[6] ESGA 4, Br. 63 an Roman Ingarden (27.12.1918).
[7] JPPF V, ESGA 6
[8] ESGA 4, Br. 65, 16.9.1919.
[9] ESGA 7
[10] ESGA 16
[11] Breslauer Zeitung, Nr. 21, 12.1.1919
[12] Vgl. ESGA 25, S. XLV
[13] Breslauer Zeitung, Nr. 1, 13, 1.1.1919, Bericht in Breslauer Zeitung Nr. 4, 5, 3.1.1919, Werbung in Breslauer Zeitung, Nr. 8, 11, 5.1.1919; Bericht in Breslauer Zeitung Nr. 13, 3, 8.1.1919. Werbungen in Breslauer Zeitung, Nr. 13, 7, 8.1.1919 und Nr. 15, 4, 9.1.1919; Bericht in Breslauer Zeitung Nr. 16, 2, 10.1.1919. Bericht in Breslauer Zeitung Nr. 21, 5, 12.1.1919.
[14] ESGA 25, 11-16
[15] In den Kant-Studien (XXIV/4, 402 ff.), ESGA 9, „Freiheit und Gnade“ und weitere Beiträge zu Phänomenologie und Ontologie (1917 bis 1937), bearb. u. eingef. v. Beate Beckmann-Zöller u. Hans Rainer Sepp, Freiburg i. Br. 2014, 3–5