Edith Stein in Bendorf

Bezüge zu Edith Stein in Bendorf

In Bendorf/Rhein sprach Edith Stein im Hedwig-Dransfeld-Haus (Im Wenigerbachtal 8-25), das seit 2008 ein Hotel ist. (Hotel friends Mittelrhein, 56170 Bendorf, Tel. 049 (0) 2622 8840; mittelrhein@hotelfriends.de)

Bei vielen Frauen hat der Vortrag „Grundlagen der Frauenbildung“[1], den sie dort am Samstag 8.11.1930 hörten, Eindruck gemacht: bei einigen, die sich privat bei Edith Stein meldeten, Zustimmung, bei anderen – vor allem in der am Sonntag folgenden Aussprache (ESGA 13, 232-252) – auch Kritik und Unverständnis für ihre Position. Auf jeden Fall hat er Kreise gezogen…

Beate Beckmann-Zöller (2020)

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Zu dieser Tagung der „Zentral-Bildungs-Kommission des Frauenbundes“ hatte Dr. phil. Gerta Krabbel (1881-1961) nach Bendorf eingeladen. Sie war seit 1926 Vorsitzende des Kath. Dt. Frauenbundes (KDFB).

Die Tagung fand im Tagungshaus im Wenigerbachtal statt, das 1925 nach Hedwig Dransfeld (1871-1925) benannt worden war. Sie war 1912-1920 Vorsitzende des Frauenbundes, Schulleiterin und Reichstags-Abgeordnete (Zentrum). Durch sie war der Kath. Frauenbund stark politisch geprägt worden. 1925 entschied sich der KDFB, die frühere Brosius-Klinik am Stadtrand von Bendorf zu übernehmen und als Haus zur Bildung und Erholung von Frauen aus den Industriegebieten einzurichten. Das Hedwig-Dransfeld-Haus (HDH) bot Frauenbildungsarbeit und Erholungsangeboten für Arbeiterfrauen aus den Industriegebieten an. Daneben entwickelte es zu einem Zentrum des Jugendbundes, des Mädchenverbandes des Frauenbundes, unter der Leitung von Anna Vogt. Sie war die Nachfolgerin von Maria Buczkowska (siehe Wien), mit der Edith Stein seit ihrem Vortrag in Bendorf in Kontakt stand.

In Bendorf war also ein Frauenzentrum entstanden und das Jugendsekretariat des Frauenbundes dorthin verlegt. Dadurch wurde das HDH zum religiösen, geistigen und lebensmäßigen Mittelpunkt von ca. 200 Mädchengruppen aus dem ganzen Deutschen Reich. Tausende von jungen Mädchen kamen damals nach Bendorf. Nach 1945 wurde das HDH vom Frauenbund gelöst und am 20.5.1951 in die Trägerschaft des „Hedwig-Dransfeld-Haus e.V“ übergeben.[2]

Auf der Tagung im November 1930 wurden durch Edith Steins Vortrag bei den anwesenden Frauen weltanschauliche Gegensätze offenbar, die zwischen „liberalen“ und „frommeren“ Katholiken. Gerta Krabbel hatte gehofft, diese Seiten durch Edith Steins Vortrag zu integrieren. Ihre Sekretärin Emmy Schweitzer schrieb an die Studienrätin Ottilie Küchenhoff über Gerta Krabbels Absicht: „Gerta meinte, sie [Edith Stein] habe manches ‚vereinfacht‘ und zu wenig philosophisch, sondern religiös-mystisch gesprochen, das habe manche ‚irritiert‘. Und gerade das tat ihr wegen so mancher ‚liberal angehauchter‘ Studienrätin leid. Hätte also Edith Stein weniger metaphysisch und mehr philosophisch gesprochen, so hätte sie mehr Eindruck gemacht. Schade!“[3]

„Sie [Gerta Krabbel] wollte gerade die ‚liberal angehauchten‘ Studienrätinnen (des Rheinlandes) einmal vor eine geistige Entscheidung stellen und hatte sich daher das Referat von Edith Stein philosophischer gewünscht.“

Und nicht nur war die Absicht zu versöhnen, nicht erreicht worden, sondern bei den liberalen Studienrätinnen waren laut Emmy Schweitzer Entsetzen und Enttäuschung zurückgeblieben: „Die Tagung muß auf die ‚liberal‘ eingestellten Studienrätinnen […] einen verheerenden Eindruck gemacht haben, wie ich neuerdings von Frl. Dr. Krabbel hörte […]. Samstag war hier großer Rat von Gerta, Maria Offenberg und Helene (Helming), die eingehend das Protokoll des Referates durchgesprochen haben. Viele sagen, die E. Stein sei einfach primitiv! U.s.w.! Frl. Dr. [Krabbel] ist sehr unglücklich. Das, was sie mit der Sache erreichen wollte, hat sie nicht erreicht.“[4]

Ottilie Küchenhoff hat sich auch an Edith Stein selbst mit einem Brief unterstützend gewendet, die ihr am 7.12.1930 antwortet: „Gewiß ist man froh über jeden Menschen, der im gleichen Geist arbeitet. Auf Widerstände in Bendorf war ich gefaßt. Ich hätte nur gewünscht, daß sie klarer und unumwundener zum Ausdruck gekommen wären. Es hat ja niemand ein Wort davon gesagt, daß es zu ‚fromm‘ war, d.h. daß man sich an der radikalen Orientierung am Übernatürlichen stieß. Und wahrscheinlich stand doch das bei so manchen im Hintergrund, obwohl die Diskussion um ganz andere Dinge geführt wurde. Meinen Sie das nicht auch?

Ich habe übrigens dort auch recht warme und herzliche Zustimmung gefunden (privatim). Daß die Ablehnung doch stärker war, nahm ich erst nach dem vollkommenen Schweigen in den Wochen seither an, und Ihre lieben Worte bestärkten mich darin. Wie dem auch sei – an unserem Weg soll es uns nicht irre machen. In der Miliz Christi wird es wohl noch manch härteren Streit auszufechten geben. Schenken Sie mir, bitte, manchmal ein Memento als Waffenhilfe.“

Nach der Tagung sandte Gerta Krabbel am 24.11.1930 einen Rundbrief (ESGA 2, Br. 116) an die Teilnehmerinnen. Darin legte sie die Opposition offen, auf die Edith Stein gestoßen war, und schlug eine weitere Klärung der Meinungsverschiedenheiten zu Sachfragen vor. Sie legte ein ausführliches Protokoll bei (ESGA 13, 232-48) und gab zu, Edith Stein hätte eher thomistisch und phänomenologisch gesprochen und sei weniger auf pädagogische Strömungen eingegangen.

Das gute Verhältnis, das zwischen Gerta Krabbel und Edith Stein persönlich bestand, wurde durch den Bendorfer Konflikt nicht getrübt. Edith Stein wurde mehrmals nach Aachen in Krabbels Wohnsitz zu weiteren Beratungen mit den Multiplikatoren der Bildungs-Kommission im Frauenbund eingeladen.

Später schrieb Edith Stein zur Situation in Bendorf (20.10.1932, Br. 223): „… verstehe ich jetzt so gut, daß ich auf Menschen, die mitten im Leben stehen, damals sehr befremdend wirken mußte“.

Edith Stein verfasste im Anschluss an den Bendorfer Vortrag den wunderschönen meditativen und praktischen Text „Wege zur inneren Stille“. Marie Buczkowska, die sie in Bendorf gehört hatte, bat sie darum. Er wurde in den Monatsbriefen der von Bouczkowska geleiteten „Societas Religiosi“ veröffentlicht, einer Vereinigung berufstätiger Frauen, die nach einer Regel leben. Verfasst hatte Edith Stein den Text in St. Lioba (Freiburg-Güntersthal), kurz bevor sie ihre Stelle in Münster antrat (Januar/ Februar 1932).[5]

Der Bendorfer Vortrag sollte bis zu Edith Steins Einkleidung im Karmel nachwirken. Sie berichtet ihrer Freundin M. Petra Brüning (Ursuline in Dorsten) über die Anwesenden bei diesem Fest, die sie beide von Bendorf her kannten. Auch Sr. Petra Brüning war damals in Bendorf an der Aussprache beteiligt, jedoch nur mit einer einzigen Wortmeldung. Im Br. 322 (1.5.1934) schreibt Edith Stein: „Es waren eine ganze Reihe von Damen da, die damals in Bendorf waren. Gerta Krabbel strahlte vor Freude und sagte, als sie mich vor dem Amt im Brautschmuck begrüßte: ‚Ich freue mich so, daß ich Sie so sehen darf. So ist es ganz richtig.‘“

An der Feier hatte auch Emmy Schweitzer (später van Wersch) teilgenommen, sie war sowohl mit Edith Stein als auch mit Mater Petra Brüning befreundet. Emmy Schweitzer lernte Edith Stein ebenfalls bei der Tagung in Bendorf kennen. Nach ihrer Heirat 1938 mit dem niederländischen Arzt Dr. H. J. van Wersch besuchte sie Edith Stein von Heerlen (Niederländisch Limburg) aus im Echter Karmel; sogar noch kurz vor deren Verschleppung. (Aus einem Brief von Emmy van Wersch-Schweitzer vom 15.10.1975)

Sr. Amata Neyer (1922-2019), Beate Beckmann-Zöller (2020)

[1] „Stimmen der Zeit“, 61. Jahrgang, März 1931, Heft 6, S. 414–424 (ESGA 13, 232–238).

[2] http://www.bendorf-geschichte.de/old/bdf-0138.htm.

[3] 15.11.1930 an Ottilie Küchenhoff, ESGA 13, 249.

[4] 25.11.1930 an Ottilie Küchenhoff, ESGA 13, 251.

[5] Br. 223, 11.10.1932.