Münster

Dozentenstelle am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster

Neben ihrer Schultätigkeit in Speyer arbeitet Edith Stein auch wissenschaftlich. Sie ist häufig zu Vortragsreisen im In- und Ausland unterwegs, was eine große Belastung mit sich bringt. Um ihre neue Habilitationsarbeit „Akt und Potenz“ (ESGA 10) über die Philosophie des Thomas von Aquin und die Phänomenologie zu schreiben, gibt sie zu Ostern 1931 ihre Schulstelle in Speyer auf mit der Begründung: „Der hl. Thomas ist nicht mehr zufrieden mit den abgesparten Stunden; er will mich ganz.“ (ESGA 2, Br. 146, 28.3.1931). Edith Stein zieht wieder zu ihrer Familie nach Breslau. Nachdem dieser neue Habilitationsversuch scheitert, nimmt sie eine Dozentenstelle am katholischen „Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik“ in Münster an. Zuvor hielt sie einen öffentlichen „Probevortrag“ im Festsaal des Cimbernhauses, über Elisabeth von Thüringen am 23.10.1931, angekündigt in der Münsterischen Zeitung desselben Tages.

Edith Stein zieht im Februar 1932 nach Münster und beginnt mit dem Sommersemester ihre Lehrtätigkeit. Sie wohnt im Studentinnen-Wohnheim „Collegium Marianum“. Das ist auch heute noch ein Wohnheim für Studierende. 

(http://www.muenster.org/marianum/ hier unter „Historie“: Edith Stein in Münster)

Nationalsozialismus

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 und wegen der beginnenden Repressalien gegen Juden, muss sie ihre Lehrtätigkeit im April 1933 aufgeben. Die Nationalsozialisten hatten Druck auf das katholische Institut ausgeübt, das eigentlich als kirchliche Gründung unabhängig von staatlichen „Arier-Gesetzen“ war. Um Klarheit über ihren weiteren Weg zu finden, betet sie am zweiten Sonntag nach Ostern, dem 30. April 1933, in der Kirche St. Ludgeri. Dort erhält sie die Gewissheit, nun einen Eintritt in den Karmel anstreben zu können.

Adele Stork / Beate Beckmann-Zöller (2020)


zu Edith-Stein-Gedenk-Orten

Literatur

Münster

  • Hergard Schwarte / Beate Beckmann-Zöller: „In liebevoller Erinnerung an die schöne alte Stadt und das ganze Münsterland“. Edith Stein in Münster, Dialog-Verlag Münster, 2018 (über die Geschäftsstelle der ESGD zu beziehen)
  • Elisabeth Lammers: „Als die Zukunft noch offen war“, Edith Stein – das entscheidende Jahr in Münster, Dialog-Verlag Münster, 2003

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Edith Stein in Münster – Beruf und Berufung

 Die Hl. Edith Stein verbrachte ein entscheidendes Jahr in Münster (Februar 1932 bis Juli 1933). In Breslau war sie eine der ersten Studentinnen und legte in Freiburg i. Br. 1916 als erste Frau in Philosophie ihre Promotionsprüfung mit Bestnote ab. Während ihre Freundinnen damals diskutierten, ob man nicht für Ehe und Familie den Beruf aufgeben solle, versicherte Edith Stein stets, „um keinen Preis“ ihren Beruf zu opfern. Es kam anders – und hier in Münster fiel die Entscheidung dazu. Während die drei Freundinnen von damals heirateten und neben der Familie ihren Beruf beibehielten, blieb Edith Stein – zunächst unfreiwillig – unverheiratet. Aber: „Ich allein ging eine Bindung ein, der ich mit Freuden jeden andern Beruf zum Opfer bringen wollte“ (ESGA 1, 88), die Bindung an die Schwestern-Gemeinschaft im Karmel. Wie kam es dazu?

1932 wurde Frau Dr. Stein an das „Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik“ in Münster berufen. Das kam ihrem beruflichen Traum, Universitäts-Professorin zu werden, zumindest nahe: Eine kirchliche Hochschule, an der sie Vorlesungen zur Mädchenpädagogik (ESGA 13) und philosophischen Anthropologie (ESGA 14) hielt.[1]

Für damalige Verhältnisse hatte sie die oberste Sprosse der Karriereleiter für Philosophinnen erreicht – und genau hier ereignete sich die entscheidende Wende in ihrem Leben: die Berufung zur Ordensfrau. Im Gegensatz dazu fühlte sie sich Anfang 1933 noch von Gott gerufen, als Dozentin in ihrem weltlichen Beruf dem nationalsozialistischen Zeitgeist eine fundierte christliche Pädagogik entgegenzusetzen, die sie gemeinsam mit ihren Kollegen in Münster entwickelt und im Januar 1933 auf einem pädagogischen Kongress in Berlin vorgestellt hatte. Edith Stein war eine Kämpferin im Denken, wie der „Löwe von Münster“, Clemens August Graf von Galen, auf anderer Ebene.

Der äußere Anlass für Edith Stein, diese Herausforderung doch aufzugeben, war die politische Machtergreifung Hitlers und die rassistischen Übergriffe auf Juden. Sie reagierte darauf nach einem Gespräch mit ihrem Geistlichen Begleiter Erzabt Raphael Walzer in Beuron und schrieb (ca. 10.4.1933) an Papst Pius XI., er möge sein Schweigen brechen und den Juden-Hass verurteilen. (ESGA 28, Br. 251) Am 19.4.1933 wird sie – aufgrund des Drucks durch die Nazis – gebeten, keine Vorlesungen mehr anzubieten, sondern im Marianum, ihrem Wohnheim, zurückgezogen bei wissenschaftlicher Arbeit am Schreibtisch abwarten, ob sich die politische Lage beruhige.

Zehn Tage nach diesem Gespräch kommt ihr der Gedanke: „Sollte es nicht jetzt endlich Zeit sein, in den Karmel zu gehen? Seit fast 12 Jahren war der Karmel mein Ziel. Seit mir im Sommer 1921 das ‚Leben‘ unserer hl. Mutter Teresia [von Ávila] in die Hände gefallen war und meinem langen Suchen nach dem wahren Glauben ein Ende gemacht hatte.“ (ESGA 1, 350) Zunächst hatte sie sich aus Rücksicht auf ihre jüdische Mutter nur taufen lassen (1.1.1922). Außerdem hatte ihr Geistlicher Begleiter ihr von einem Ordensleben abgeraten, da sie doch als Referentin zu Frauenfragen aus christlicher Perspektive eine wertvolle Mission unter den Laien-Katholiken hätte.

Über ihre endgültige Berufung zum Ordensleben, die sie hier in der Ludgerikirche erlebte, berichtet Edith Stein: „Am 30. April, es war der Sonntag vom Guten Hirten, wurde in der Ludgerikirche das Fest des hl. Ludgerus mit 13stündigem Gebet gefeiert. Am späten Nachmittag ging ich dorthin und sagte mir: ich gehe nicht wieder fort, ehe ich Klarheit habe, ob ich jetzt in den Karmel gehen darf. Als der Schlußsegen gegeben war, hatte ich das Jawort des Guten Hirten.“ (ESGA 1, 351) Wir können von Edith Stein lernen, in Gottes Gegenwart geduldig zu hören, wohin uns der Hl. Geist führen will, um in der Liebe des Vaters den Frieden Christi zu den Menschen zu bringen: „Der Mensch ist dazu berufen, in seinem Innersten zu leben und sich selbst so in die Hand zu nehmen, wie es nur von hier aus möglich ist; nur von hier aus ist auch die rechte Auseinandersetzung mit der Welt möglich, nur von hier aus kann er den Platz in der Welt finden, der ihm zugedacht ist.“ (ESGA 18, 133)

Nachdem Erzabt Walzer im Mai das „Ja-Wort des Guten Hirten“ auch von kirchlicher Seite bestätigte und seine Zustimmung am 2.6.1933 an den Kölner Karmel mitteilte (ESGA 28, Br. 257b), beschlossen die Schwestern am 19.6., Edith Stein aufzunehmen (ESGA 28, Br. 261a). Am 15.7.1933 verließ Edith Stein „die schöne alte Stadt“ Münster, um sie in „liebevoller und dankbarer Erinnerung“ zu behalten. (ESGA 1, 356)

Dr. Beate Beckmann-Zöller (Edith-Stein-Jahrbuch 2019, 39-41)

[1] Das Institut ging auf einen Beschluss der deutschen Bischöfe von 1897 in Fulda zurück, nachdem 1894 durch Ministerialerlass beschlossen war, dass an Mädchenschulen die Oberlehrerinnen einen wissenschaftlichen Abschluss benötigen. Bischof Dingelstad aus Münster hatte den Moraltheologen Dr. Josef Mausbach mit der Zusammenstellung eines geeigneten Dozentenkollegiums beauftragt. Auch Ordensfrauen sollten beteiligt sein, er war Befürworter des Frauenstudiums. Anfangs war das neue Institut Lehranstalt und Wohnheim für Ordensfrauen, zu Edith Steins Zeit jedoch bereits getrennt. Das Lehrinstitut befand sich zuerst im Borromäum beim Dom, dann in der Engelgasse 25. Das Wohnheim, in dem auch Edith Stein zwei Zimmer erhielt, lag Ecke Frauenstraße / Krummer Timpen, Marianum genannt, ab 1899 geleitet von den Schwestern Unserer Lieben Frau aus Mülhausen, zunächst in der Voßgasse in einem dem Institut vom Bischof geschenkten Anwesen. Vgl. Neyer, Amata, „Edith Steins Studienreise 1932 nach Paris. Teil 3: Juvisy“, in: ESJ 2007, 9-48, 11.

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Edith Stein in Münster – ein Rundgang

Im Februar 1932 kam Edith Stein nach Münster. Sie hatte hier durch die Vermittlung der Vorsitzenden des „Vereins katholi­scher deutscher Lehrerinnen“ (VkdL) eine Dozentur am „Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik“ erhalten. Im Sommer­semester 1932 nahm sie dort ihre Lehrtätigkeit auf. Sie wohnte in einem Studentinnenheim für studierende Ordensfrauen, dem Collegium Marianum, in der Frauenstraße.

Mit Publikationen, Vorträgen, Tagungen (ESGA 16) und den Vorlesun­gen am Institut erreichte Edith Stein in ihrer Münsteraner Zeit den Höhepunkt ihrer wissenschaftlichen Karriere. Sie enga­gierte sich in der Frauenfrage und hielt dazu ihre erste Vor­lesung. „Probleme der Mädchenbildung“ (ESGA 13, 127-208). Von Münster aus nahm sie teil an dem großen Philosophen-Kongress der Thomas-Gesellschaft (Societé Thomiste) in Juvisy bei Paris (E$GA 9), bei dem sie selbstbewusst und kompetent die phänomenologische Methode verteidigte und sich als Philosophin von internationalem Rang erwies. Ihre zweite Münsteraner Vorlesung, „Der Aufbau der menschli­chen Person“ (ESGA 14), ist ihre bedeutende Grundlegung einer philosophischen Anthropologie der Pädagogik. Ihre dritte Vorlesung, eine theologische Anthro­pologie „Was ist der Mensch“ (ESGA 15), hat sie nicht mehr halten können.

Aufgrund der Anwendung des „Gesetzes zur Wiederher­stellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 musste Edith Stein am 20. April 1933 das Institut verlassen. Sie arbei­tete zunächst weiter an ihrer wissenschaftlichen Arbeit, nach­dem der Verein katholischer deutscher Lehrerinnen für ihren Unterhalt gesorgt hatte.

In diesen Wochen erwog Edith Stein den Plan, nun ihren lang gehegten Wunsch, in den Karmel zu gehen, zu verwirklichen. Am 30. April 1933 wird sie sich während eines Gebetsgottesdienstes in der Ludgerikirche ihrer tatsächlichen Berufung zum Karmel bewusst. Sie handelt schnell. Sie er­wirkt ihre Aufnahme in den Kölner Karmel und verlässt Münster am 15. Juli 1933.

Eine schlichte Bronzeplakette in der Ludgerikirche erinnert heute an das Berufungserlebnis Edith Steins; sie wurde von dem Bildhauer Rudolf Breilmann geschaffen und auf Veranlassung der ehemaligen Kollegen Edith Steins am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik nach dem II. Welt­krieg dort angebracht.

Im Innenhof des Collegium Marianum, Frauenstraße 3-6, befindet sich eine modern gestaltete Skulptur Edith Steins von der Bildhauerin Hilde Schürk-Frisch.

Die katholisch-soziale Akademie Franz Hitze Haus Münster, Kardinal-von-Galen-Ring 50, hat Edith Stein zur Patronin ihrer Hauskapelle gewählt.

Hergard Schwarte

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