Mitteilungen Nr.93 | 10·2019

Mitteilungen im Oktober 2019

Schwerpunkt: Ein Gentleman vor Gott | Kardinal John Henry Newman

Am 13. Oktober dieses Jahres, wird Papst Franziskus den seligen Kardinal John Henry Newman (1801–1890) heiligsprechen. Edith Stein hat sich in den Jahren nach ihrer Taufe mit dem Begründer des Oratoriums des Heiligen Philipp Neri in England ausführlich befasst. Zwei Bände der Edith Stein Gesamtausgabe (ESGA) geben davon Zeugnis. Edith Stein hat „Die Idee der Universität“ (Bd. 21) sowie Briefe und Texte zur ersten Lebenshälfte Newmans (Bd. 22) übersetzt. Es waren zwei Weggefährten, die Edith Stein zu Newman führten: Dietrich von Hildebrand, ihr ehemaliger Kommilitone aus der Göttinger Zeit, und ihr späterer geistlicher Mentor Erich Przywara SJ (beide übrigens, wie Edith Stein, am 12. Oktober geboren, jedoch zwei Jahre früher). Hildebrand hatte in München den Theatiner-Verlag gegründet. Przywara betreute diesen mit. Sie wollten eine Newman-Gesamtausgabe herausbringen. Auf der Suche nach geeigneten Übersetzern regte Hildebrand Przywara an, sich an Edith Stein zu wenden. Sie sei die Richtige, um „streng sachlich dem Wort nach, ja bis zur Beibehaltung der rhythmischen Satzform und Wort-Anordnung“ (Przywara, In und Gegen, 61) zu übersetzen und damit Newmans Stil und Intention in deutscher Sprache getreu wiederzugeben. Aus einem Brief an Ingarden erfahren wir, wie es Edith Stein dabei erging: „Das Übersetzen macht mir rein als solches Freude. Und außerdem ist es sehr schön für mich, mit einem Geist wie Newman in so nahe Fühlung zu kommen, wie es das Übersetzen mit sich bringt. Sein ganzes Leben ist nur ein Suchen nach der religiösen Wahrheit gewesen und hat ihn mit unausweichlicher Notwendigkeit zur katholischen Kirche geführt.“ (ESGA 4, Br. 85) Nicht nur, dass Edith Stein die intellektuelle und sprachliche Fähigkeit besaß, einen Newman zu verstehen und zu übertragen. Die beiden Persönlichkeiten waren auch geistlich verbunden durch die Erfahrungen ihrer Konversion (er mit 44, sie mit 30), das Unverständnis für diese Entscheidung besonders in der eigenen Familie sowie die Suche und Sehnsucht nach Wahrheit. Zudem interessierte die Ausbilderin von Mädchen und Frauen das Konzept einer katholischen Bildung, wie sie Newman für die Gründung einer katholischen Universität in Dublin entwickelt hatte. Später, als gefragte Referentin, nahm sie in ihrem Salzburger Vortrag 1930 Bezug zu Newman, als es darum ging, wie die berufstätige Frau durch starke Persönlichkeit und hohe Bildung eigene Schwächen, Oberflächlichkeit und einseitiges Spezialistentum überwinden könne. „Wir haben hier die Parallele zu dem Bild des vollkommenen ‚gentleman‘, das Newman einmal in der ‚Idea of a University‘ gezeichnet hat: eine Persönlichkeitskultur, die echter Heiligkeit zum Verwechseln ähnlich sieht. Aber hier wie dort handelt es sich nur um Ähnlichkeit. Die nur ‚bildungsmäßig‘ gebändigte Natur wahrt das kultivierte Äußere bis zu einer gewissen Belastungsprobe, dann durchbricht sie die Schranken. Nicht von außen umgestaltet, sondern wahrhaft entwurzelt und von innen heraus neu geformt wird die gefallene Natur nur durch die Kraft der Gnade.“ (ESGA 13, 21f) Belastungsproben mussten Edith Stein und John Henry Newman in ihrem Leben in großer Zahl bestehen. Newman musste sich mit seinen Anliegen sowohl in der anglikanischen Kirche als auch in der katholischen Kirche harten Auseinandersetzungen, ja Anfeindungen stellen. Dass Leo XIII. Newman 1879 zum Kardinal ernannte, ohne dass er Bischof war, gilt als späte Anerkennung seines letztlich wegweisenden theologischen Diskurses. Mit Bezeichnungen wie „Brückenbauer“ zwischen der anglikanischen und katholischen Kirche sowie „Kirchenlehrer der Neuzeit“ wird der Priester, Literat und Dichter inzwischen geehrt. Edith Stein zitierte Newman in ihrem Nachruf für Prälat Joseph Schwind (†1927), ihren geistlichen Begleiter der ersten Jahre in Speyer: „Kardinal Newman hat öfters betont: ‚Es ist relativ leicht, eine Seite des christlichen Lebens in sich zur Entfaltung zu bringen, Strenge oder Milde, Ernst oder Heiterkeit. Aber die wahre christliche Vollkommenheit zeigt sich erst in der Vereinigung entgegengesetzter Tugenden‘“. (ESGA 19, 233) Dieses Bemühen um die Entfaltung beider Seiten muss sie bei Schwind erkannt und für sich selbst angestrebt haben. Es war wohl auch das Ziel Kardinal Newmans, des „Gentleman“ vor Gott.

Dr. Katharina Seifert, Präsidentin …


Seite 2:
25 Jahre Edith-Stein-Gesellschaft Deutschland e.V.
Seite 3:
Internationale Tagung zu Edith Stein in Köln
Seite 4:
Wir gratulieren Adele Stork

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